Welt 10.05.2026
06:45 Uhr

„Gehen von verlängerten Einsatzzeiten aus“ – so wirkt Tempo 30 auf Rettungseinsätze


Tempo 30 könnte Rettungswagen ausbremsen, warnt Hamburgs Feuerwehrchef im Interview. Außerdem erzählt er, wie die Zahl der Notrufe erfolgreich gesenkt werden konnte und warum die neue Leitstelle erst 2027 startet.

„Gehen von verlängerten Einsatzzeiten aus“ – so wirkt Tempo 30 auf Rettungseinsätze

Die Einsatzzahlen bleiben hoch, die Stadt wächst, der Verkehr stockt – und zugleich soll der Rettungsdienst schneller werden. Hamburgs Feuerwehrchef Jörg Sauermann widerspricht im Interview der Diagnose vom Kollaps, verweist auf sinkende Notrufzahlen und neue Fahrzeuge. Er erklärt, warum die neue Leitstelle erst 2027 kommt, wie Apps und Ersthelfer künftig eingebunden werden sollen – und weshalb beim Großbrand auf der Veddel ein Löschroboter half. Welt: Herr Sauermann, in den vergangenen Jahren sind die Einsatzzahlen der Hamburger Feuerwehr immer weiter angestiegen. Die Jahresbilanz wird erst noch vorgestellt, aber können Sie uns einen Einblick in die aktuelle Entwicklung geben? Jörg Sauermann: Die Einsatzzahlen liegen auf einem ähnlich hohen Niveau wie in den Vorjahren. Die Zahl der Alarmierungen ist angestiegen, was unter anderem am Großbrand auf der Veddel liegt. Das war ein Einsatz über drei Tage, bei dem zig Fahrzeuge alarmiert oder nachalarmiert wurden. Im Rettungsdienst aber sind die Zahlen ungefähr gleich geblieben und nicht weiter gestiegen, was unsere Bemühungen widerspiegelt, diesen Bereich zu entlasten. Welt: Der Hamburger Rettungsdienst besteht seit 80 Jahren, die Hamburger CDU sieht ihn aktuell vor einem Kollaps. Die Eintreffzeit liegt zumeist über dem selbstgesteckten Ziel, in acht Minuten nach der Alarmierung vor Ort zu sein. Sauermann: Grundsätzlich muss man das Gesundheitssystem in Gänze betrachten. Und da ist Druck im System, das merken wir auch. Der Rettungsdienst ist schließlich ein Baustein in der Gesundheitsversorgung. Aber wir steuern entgegen. Unsere Erreichungszeit erfüllen wir in 56 Prozent der Einsätze. 75 Prozent ist das Ziel. Allerdings muss man sagen, dass Hamburg die bundesweit strengsten Vorgaben hat. Skaliert man die Zeiten auf zwölf Minuten hoch, wie in anderen Städten, dann liegen wir bei über 90 Prozent Zielerreichung. Wir haben also einen leistungsfähigen Rettungsdienst. Die wachsende Stadt stellt die Feuerwehr aber vor Herausforderungen – sei es durch Baustellen oder andere Themen, die negativ auf den Verkehrsfluss einwirken. Zeitgleich muss auch der Rettungsdienst kostendeckend aufgestellt sein, so dass die Standortplanung ein entscheidender Faktor für die Zielerreichung ist. Welt: Besonders der Osten und Nordosten der Stadt gelten als schlechter versorgt. Sauermann: Wir nehmen jedes Jahr mehr Rettungswagen über die im Rettungsdienst mit uns verbundenen Hilfsorganisationen in Dienst und puffern damit die Steigerungsraten ab, die wir mit Blick auf die Stadtentwicklung annehmen. Gleichzeitig analysieren wir regelmäßig, wo neue Rettungswagen gebraucht werden und wo sie stationiert werden können. Vor kurzem wurde die Rettungswache in Allermöhe eröffnet. Des Weiteren wird im Herbst dieses Jahres in Schnelsen eine neue Feuer- und Rettungswache eröffnet, das erste Mal seit 30 Jahren. Das ist ein Meilenstein. Welt: Seit mehr als zwei Jahren versuchen Feuerwehr und Kassenärztliche Vereinigung gemeinsam, die Zahl der in der Leitstelle eingehenden Notrufe zu senken. Denn oftmals benötigen die Anrufer keinen Rettungsdienst, belasten aber das System. Wer nur krank ist, soll 116117 wählen und nicht 112. Trägt die Kampagne Früchte? Sauermann: Ja, ganz klar, wir sehen einen Effekt. 2025 haben wir 484.000 Notrufgespräche abgewickelt. Dies sind ca. 40.000 weniger als zwei Jahre zuvor. Im vergangenen Jahr haben wir knapp 19.000 Einsätze erfolgreich an die KV übergeben können. Gestartet sind wir in 2023 noch mit ca. 5500. Dies sind deutliche Ergebnisse der entsprechenden Kampagne und der Zusammenarbeit zwischen Feuerwehr und KV. Außerdem wurde im September 2025 der Notfalltransportwagen (NTW) eingeführt. Er fährt seit Ende letzten Jahres beim DRK und den Johannitern dringliche, aber nicht lebensbedrohliche Einsätze, die bisher oft unnötig vom Rettungswagen übernommen wurden: Starke Schmerzen, Stürze ohne schwere Verletzungen, zeitunkritische Transporte aus der Notaufnahme. Seit Anfang 2026 hat auch die Feuerwehr entsprechende Fahrzeuge in Dienst genommen. Der NTW schließt die Lücke zwischen Krankenwagen und Rettungswagen. Welt: Es gibt politische Forderungen, Anrufe stärker zu priorisieren. Derjenige mit Rückenschmerzen muss dann warten. Geht das überhaupt? Sauermann: Bei den Anrufen selbst ist das schwierig. Die kommen rein und müssen beantwortet werden. Aber im Nachgang findet eine Priorisierung statt. In der Rettungsleitstelle ist täglich ein Arzt anwesend, der sich Fälle speziell anschaut, die sich nicht eindeutig zuordnen lassen. Der entscheidet, ob priorisiert oder abgestuft wird. Des Weiteren wird auch kontinuierlich die standardisierte Abfrage und deren Ergebnisse überprüft und verbessert. Welt: Wie lange wartet ein Anrufer, bis der Notruf angenommen wird? Sauermann: Durchschnittlich 8,9 Sekunden. Da sind wir deutlich unter den 10,4 Sekunden, die wir uns ins Buch geschrieben haben. Wir haben die Prozesse in der Leitstelle deutlich optimiert. Im Jahr 2022 lagen wir noch bei ca. 23 Sekunden. Welt: Eines der wichtigsten Zukunftsprojekte der Feuerwehr ist die neue Rettungsleitstelle in der Eiffestraße. Die Fertigstellung verzögert sich. Was ist das Problem? Sauermann: Wir haben leichte Verzögerungen, das ist bei einem so komplexen Bauprojekt auch nicht unüblich. Der Baukörper ist uns jüngst übergeben worden. Jetzt kann der Innenausbau starten, also die Installation des Leitstellensystems und die Einbringung der IT-Technik. Der letzte Stand ist, dass die neue Leitstelle voraussichtlich im Mai 2027 in Betrieb gehen wird. Welt: Was erhoffen Sie sich von der neuen Leitstelle? Sauermann: Das aktuelle System ist aus den 90er Jahren und mittlerweile nicht mehr zeitgemäß, es hat keine Schnittstellen nach außen, verarbeitet keine externen Datenquellen. Mit der neuen Leitstelle ist künftig viel mehr möglich. Wir können externe Systeme wie die Nora-Notruf-App oder Helfer-Apps einbinden und bekommen ein modernes Geoinformationssystem, mit dem wir noch besser berechnen können, welches Einsatzmittel am schnellsten sein wird und das auch Baustellen, Sperrungen oder Großveranstaltungen berücksichtigt. Welt: Was verbirgt sich hinter Nora-Notruf- und Helfer-Apps? Sauermann: Die Nora-Notruf-App ist eine offizielle App des Bundes. Sie setzt Notrufe über das Smartphone ab, ohne dass gesprochen werden muss. Das ist für Menschen mit Behinderungen, aber auch für spezielle polizeiliche Notsituationen gedacht. Die App übermittelt automatisch den Standort, die Kommunikation läuft per Chat. Eine Helfer-App ist etwa die ASB Hamburg SCHOCKT App, es gibt aber weitere Anbieter. Qualifizierte Ersthelfer können sich dort registrieren. Bei einem Einsatz werden dann alle Helfer in unmittelbarer Nähe alarmiert und könnten lebensrettende Sofortmaßnahmen durchführen. In Zukunft können Einsatzdaten aus der Leitstelle dann direkt für die Ersthelfer Apps bereitgestellt werden, das ist in Hamburg derzeit technisch nicht möglich. Welt: Bei der neuen Leitstelle geht es auch um Resilienz. Sauermann: Ja, die Anforderungen sind angesichts hybrider Bedrohungsszenarien deutlich gestiegen. Die Leitstelle wird eines der ersten Systeme deutschlandweit sein, das über ein Großrechenzentrum betrieben wird. Dataport bietet dafür eine der höchsten Schutzklassen. Zwei standortunabhängige Rechenzentren werden dafür sorgen, dass die Verfügbarkeit der Daten immer gesichert ist. Viele Subsysteme, die den Leitstellenbetrieb ermöglichen, werden anders als in der Vergangenheit redundant ausgelegt sein und so für mehr Betriebsstabilität sorgen. Welt: Gestiegen sind auch die Herausforderungen durch den Klimawandel. Sauermann: Ja, das hat viele Facetten. Mehr Hitze bedeutet gerade bei einer immer älter werdenden Bevölkerung mehr Einsätze. Es geht zudem um Extremwetterereignisse und um Brandgefahren. Wir werden in den nächsten Jahren flächendeckend vermehrt Tanklöschfahrzeuge auch für die Freiwilligen Feuerwehren anschaffen, damit diese einen gewissen Wasservorrat in Vegetationsgebiete bringen können, die nur spärlich besiedelt sind. Und um auf Überschwemmungslagen vorbereitet zu sein, werden wir Großpumpen bereithalten. Welt: Die Feuerwehr testet mittlerweile Elektrofahrzeuge. Wie fällt die Bilanz aus? Sauermann: Wir haben zwei vollelektrische Rettungswagen, zwei E-RTW, im Dienst und testen ein E-Hilfeleistungs-Löschfahrzeug, ein E-HLF. Wir sind sehr zufrieden. Die E-RTW bieten deutliche Vorteile. Sie laufen viel ruhiger, und liegen durch das höhere Eigengewicht und die tiefliegenden Batterien ruhiger auf der Straße. Und das E-HLF beschleunigt nicht nur rasant, sondern ist auch im Einsatz viel geräuschloser. Es benötigt keine Generatoren zur Stromerzeugung und die Pumpen werden elektrisch angetrieben. Auch die Innenraumkonzeption wurde neu gedacht. Die Kolleginnen und Kollegen sitzen nicht hintereinander, sondern in einer Kommunikationsbeziehung zueinander, so dass während der Fahrt die Einsatztaktik besprochen werden kann. Der Nachteil ist der derzeit noch hohe Preis. Dieser ist aktuell noch ungefähr doppelt so hoch wie bei einem konventionellen Fahrzeug. Welt: Apropos Zukunftsentscheid: Flächendeckendes Tempo 30 sieht die Feuerwehr kritisch. Sauermann: Ja, wir gehen davon aus, dass das die Einsatzzeiten verlängert. Je langsamer der Verkehr fließt, desto langsamer kommen wir am Ziel an. Welt: Im vergangenen Jahr wurde das TMF 70 RPX in Dienst genommen. Ein Teleskopmastfahrzeug. Der Mast kann 70 Meter ausgefahren werden. Es gibt keine andere Feuerwehr in Deutschland, die so ein Fahrzeug hat. Warum Hamburg? Sauermann: Wir benötigen das Fahrzeug sicher nicht jeden Tag. Aber wir haben im Hafengebiet riesige Industrieanlagen, Kreuzfahrtschiffe, Containerschiffe. Das Fahrzeug ist Teil der Vorhaltung, die wir für Gefahrenlagen vorsehen. Wir haben damit die Möglichkeit, Menschen und Material schnell in extreme Höhen zu bekommen oder auch zu retten. Weiterhin hat das Fahrzeug sogar die Möglichkeit, aus dem Korb Wasser in großer Dimension abzugeben - und das in 70 m Höhe. Welt: Und wann werden Drohnen Feuer löschen? Sauermann: Mit fliegenden Drohnen verschaffen wir uns bereits regelmäßig einen Überblick aus der Luft. Da geht es vor allem um Aufklärung, um die Einsatzkräfte nicht zu gefährden. Mit einer fliegenden Drohne zu löschen, ist technisch sehr schwierig. Der Rückstoß würde die Drohne wegdrücken. Man bräuchte sehr große Systeme. Es gibt aber interessante Entwicklungen beim Thema Robotik. Beim Großbrand auf der Veddel hatten wir für die gefährlichen Nachlöscharbeiten den Löschroboter „Superwolf“ im Einsatz. Den hatten wir extra aus Vechta angefordert. Das wird sicher ein größeres Thema in der Zukunft.